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Showdown in Eching — eine der spannendsten Bürgermeisterwahlen Bayerns (Teil 2)

Eching. Noch ist offen, ob Sebastian Thaler erneut für das Amt des Bürgermeisters kandidieren wird. Voraussetzung dafür sind 180 Unterstützungsunterschriften von wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern aus Eching, die bis zum 19.01.2026 um 12 Uhr in der Gemeinde eingereicht werden müssen. Ob diese zusammenkommen, gilt derzeit als ungewiss. Fest steht: Die vergangenen Jahre seiner Amtszeit waren von zahlreichen, außergewöhnlichen Kontroversen begleitet.

 

In einem aktuellen Interview mit dem Freisinger Tagblatt vom 08.01.2026 nahm Thaler Stellung zu Vorwürfen, die sich in den vergangenen fünf Jahren angesammelt haben. Bisher schwieg er eisern zu allen Vorwürfen.

Im Zusammenhang mit dem Untreueverfahren um den Vorfall am Echinger See erklärt er, den Betrag von 8.400 Euro an die Gemeinde zurückgezahlt zu haben. Es entsteht der Eindruck, dass die Angelegenheit damit für ihn und die Gemeinderäte erledigt sei.

Nicht erwähnt wurde im Interview jedoch ein weiteres, derzeit noch anhängiges Verfahren: Die Gemeinderäte haben fast einstimmig im Mai 2023 Klage beim Verwaltungsgericht gegen Thaler eingereicht und fordern immer noch die Rückzahlung von rund 34.000 Euro an Gerichtskosten aus dem Untreuefall. Eine gerichtliche Entscheidung steht hier noch aus. Warum das Freisinger Tagblatt hier nicht genauer nachfragt, ist uns ein Rätsel. Schließlich kann man dieses wichtige Detail ganz einfach googeln.

Zusätzlich hat die Landesanwaltschaft im Oktober 2025 eine Disziplinarklage gegen Thaler beim Bayerischen Verwaltungsgericht München erhoben. Gefordert wird darin, seine monatlichen Dienstbezüge für 24 Monate um zehn Prozent zu kürzen. Vorgeworfen werden dem Bürgermeister „im Wesentlichen Verstöße gegen die (Straf-)Gesetze im Zusammenhang zum einen mit der Erstattung von Zahlungsverpflichtungen aus einem Zivilprozess und zum anderen mit der Mitwirkung an Auftragsvergaben trotz persönlicher Interessenskollisionen“. Gemeint ist damit die Abwicklung des Rechtsstreits um die Auseinandersetzung des Bürgermeisters am Echinger See 2018 einerseits und die Vergabe von Gemeindeaufträgen an seinen Schwager.

Auch ein privater Wohnungskauf sorgt weiterhin für Diskussionen. Thaler hatte Ende 2019 eine Wohnung eines inzwischen verstorbenen Bewohners des Alten-Service-Zentrums (ASZ) Eching erworben. Laut Thalers Darstellung habe der Kaufpreis rund 20 Prozent unter dem damaligen Marktwert gelegen, konkret bei etwa 300.000 Euro. Recherchen legen jedoch nahe, dass vergleichbare Wohnungen mit rund 100 Quadratmetern Wohnfläche in Eching zu diesem Zeitpunkt (2019/2020) einen Marktwert von etwa 600.000 Euro hatten. Zudem besteht die betreffende Immobilie aus zwei Wohneinheiten mit Gartenanteil, was den Wert als Anlageobjekt nochmal deutlich erhöht. Die Immobilienwerte von 2019 in Eching lassen sich ganz einfach mit Google oder KI überprüfen.

Kritik entzündet sich auch an den Umständen des Kaufabschlusses. So bleibt die Frage, warum Thaler und seine Ehefrau den schwer erkrankten Verkäufer zu einem rund 70 Kilometer entfernten Notar begleiteten, der aus Thalers Heimatregion stammt. Laut Google gibt es zahlreiche Notare in Freising und München, die weniger als 20 Kilometer entfernt ihre Kanzleien betreiben. Hier kommt natürlich auch die Frage auf, in welchem Zustand sich der betagte ASZ-Bewohner psychisch und physisch befand. Schließlich hatte der 92-jährige Hans L. einige Wochen und Monaten vor dem Verkauf mehrere Schlaganfälle. Hätte ein „fremder“ Notar die Situation eventuell anders eingeschätzt? Und warum wussten seine pflegenden Verwandten von Hans L. nichts von dem Verkauf seiner Immobilien an den Bürgermeister? 

Ebenso wird im Interview nicht thematisiert, weshalb der Wohnungskauf der Gemeinde vertraglich erst nach den Kommunalwahlen (31.03.2020) gemeldet wurde. Thaler weist sämtliche Vorwürfe zurück und betont, der Vorgang sei freundschaftlich und rechtlich korrekt abgelaufen.

In seinem Interview beschreibt Sebastian Thaler auch die positive Bilanz seiner Arbeit seit 2016: Er habe die Gemeinde mit ca. 14 Millionen Euro Schulden übernommen und sie auf drei Millionen reduziert.

Wir haben nach der Veröffentlichung des Berichts bei einigen Echinger Gemeinderäten nachgefragt. Laut unseren Recherchen wurde die Sanierung des Rathauses seit 2019 überwiegend aus Rücklagen finanziert, die in der Amtszeit von Josef Riemensberger (CSU) für dieses Bauvorhaben angespart wurden – insgesamt 15 Millionen Euro.

Ebenso wurden nachweislich alle Baugebiete in Eching in der Amtszeit von Thalers Vorgänger entwickelt und teilweise finanziert.

Thema Huberwirt: Die Gemeinde Eching hat das Traditionsgasthaus in ihrer Ortsmitte im Sommer 2020 für ca. sechs Millionen Euro gekauft, um neue Möglichkeiten zur Neugestaltung des Zentrums zu schaffen. Im obersten Stock wohnt jedoch die hochbetagte Verkäuferin des Hubertwirts mit einem lebenslangen Wohnrecht. Die spätere Entdeckung von Brandschutzmängeln im gesamten Gebäude sorgte für mehr hitzige Debatten im Gemeinderat und in der Bevölkerung. Mit der Sanierung kann aber erst begonnen werden, wenn die ältere Dame da nicht mehr wohnt. Seit dem Kauf steht der Huberwirt ungenutzt in der Ortsmitte und soll jährlich ca. 80.000 € an Unterhalt kosten.

Wie die von uns befragten Echinger Gemeinderäte erklären, resultieren die aktuellen Rücklagen von 22 Millionen Euro aus dem Verkauf von Bauland in den Baugebieten Böhmerwaldstraße, Eching-West und Dietersheim Süd-Ost, deren Entwicklungen bereits vor 15 bis 20 Jahren erfolgten. Kritisch sehen die Räte, dass Thaler diese Entwicklungen offenbar für sich reklamiert.

Politisch steht viel auf dem Spiel: Sollte Thaler die erforderlichen 180 Unterschriften erhalten, wäre er offiziell als Bürgermeisterkandidat nominiert. Scheitert er anschließend bei der Wahl, würde er automatisch in den Ruhestand treten. Ob es überhaupt so weit kommt, entscheidet sich letztlich bei den Bürgerinnen und Bürgern in Eching. Fotoquelle: www.eching.de



Die Chancen seiner Herausforderer –

wer hat die Nase vorn und wer kämpft ums politische Überleben?


Während Sebastian Thaler um seine Nominierung ringt, formiert sich der Rest der Echinger Polit-Szene hinter neuen Kandidaten. Die Stimmung ist angespannt, die Lager sind sortiert – und die Wählerinnen und Wähler stehen vor einer Entscheidung mit Signalwirkung für die Zukunft der Gemeinde.



Michael Steigerwald (CSU): Herausforderer mit breiter Unterstützung

 

Die CSU hat frühzeitig ihre Entscheidung getroffen und mit dem gebürtigen Echinger Michael Steigerwald einen Bürgermeisterkandidaten nominiert. Der 49-jährige Geschäftsführer einer ortsansässigen GmbH wird als bodenständig, erfahren und fachlich versiert wahrgenommen. Auch der Rückhalt vor Ort ist deutlich: Bei der Bundestagswahl erreichte die CSU in Eching rund ein Drittel der Stimmen und lag klar vor SPD und Grünen. Steigerwald steht für einen personellen Neuanfang nach Thaler und kündigt an, wieder mehr Ruhe in die Gemeinde zu bringen sowie die Verwaltungsarbeit auf eine professionelle Basis zu stellen.

Chancen: Hoch – vor allem wenn konservative und bürgerliche Wählerinnen und Wähler geschlossen hinter Steigerwald stehen. Die CSU-Basis wirkt mobilisiert und setzt auf den Neustart nach den turbulenten Jahren mit Sebastian Thaler. Die CSU hat lokale Struktur, Bekanntheit und eine Basis, die in Eching noch immer stark ist. Steigerwald kann das „Verlässlichkeits“-Narrativ spielen: Aufräumen, Verwaltung stabilisieren, Haushalt im Griff behalten. Fotoquelle: www.steigerwald2026.de

 

 

Christoph Gürtner (Freie Wähler) – muss die Distanz zu Thaler glaubwürdig darstellen

Die Freien Wähler schicken den 42-jährigen Chemieingenieur Christoph Gürtner ins Rennen – einen Kandidaten mit Erfahrung in der Ortspolitik.

Risiko: Seine frühere Haltung in einigen Entscheidungen zugunsten Thalers gibt Gegnern Munition. Gürtner steht vor der Aufgabe, seine Abgrenzung von Thaler glaubhaft zu machen. Sowohl er selbst als auch die Freien Wähler stimmten – ebenso wie die „Bunte Fraktion“, die Thaler einst ins Amt verholfen hatte – für die Übernahme von Thalers Gerichtskosten aus dem Vorfall am Echinger See – ohne das Gerichtsurteil abzuwarten. Nach dem Bekanntwerden von Thalers dubiosem Immobilienkauf kritisierte Gürtner öffentlich die CSU-Aufklärer und stellte sich zunächst schützend vor Thaler. Erst als zunehmend belastende Hinweise auf weitere Verfehlungen an die Öffentlichkeit gelangten, änderte er seinen Kurs, wandte sich gegen Thaler und forderte schließlich auch dessen Rücktritt.

 

Chancen: Solide, aber herausfordernd. Die Freien Wähler haben in Eching kein Vergleichsergebnis wie die CSU beim Bundestag vorzuweisen und müssen über Persönlichkeitswahlkampf und lokale Themen Stimmen gewinnen. In einer lokalen Wahl könnten sie Wähler anziehen, die traditionellen Parteien skeptisch gegenüberstehen. Fotoquelle: www.fw-eching.de

 

  

Victor Weizenegger (SPD, ÖDP & Echinger Mitte) – gemeinsam mehr erreichen

 

Ein wiederholtes Bündnis: SPD, ÖDP und Echinger Mitte unterstützen Victor Weizenegger als gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten. Der 30-jährige Umweltgutachter wohnt in Neufahrn und hat in der Kommunalpolitik noch keine Erfahrung. Mit Weizeneggers Nominierung sind deutlich Parallelen zu Thalers Nominierung durch das Bündnis im Jahr 2016 zu erkennen. Das Bündnis stellt sich wieder hinter einen jungen, ortsfremden und unerfahrenen Kandidaten.

Pikant: Der 1. Vorstand der Echinger Mitte, Bertram Böhm, drohte den CSU-Aufklärern mit rechtlichen Schritten, wenn sie einen in 2020 veröffentlichten offenen Brief bezüglich Thalers fragwürdigen Wohnungskauf nicht löschen würden. Uns wurden Böhms E-Mails aus den Jahren 2020 und 2021 zugespielt, in denen er Sebastian Thaler in Schutz nimmt und seinen Gegnern massiv mit rechtlichen Schritten droht. Dieses Verhalten sorgt in der Öffentlichkeit nicht unbedingt für Vertrauen in die Gruppierung und in ihren Kandidaten.           

 

Chancen: Kaum bis mittelmäßig. Ein gemeinsamer Kandidat hilft, Stimmen zu bündeln. Nach dem Fiasko der letzten Jahre mit Sebastian Thaler sind nicht alle Parteimitglieder mit der Nominierung Weizeneggers einverstanden. Fotoquelle: www.spd-eching.de



Eric Jacob (Grüne) – Schwerer Weg eines jungen Kandidaten

 

 

Mit Eric Jacob nominierten die Echinger Grünen dieses Mal einen eigenen Bürgermeisterkandidaten. Der 22-jährige Informatik- und Politikwissenschaftsstudent ist erst seit einem Jahr Grünen-Mitglied in Eching und hat ebenso wie sein SPD-Konkurrent Victor Weizenegger keine kommunalpolitische Erfahrung. Jacob ist eine sehr junge Stimme, die stark auf Klima, Mobilität und Digitales setzt — Themen, die viele jüngere und urbane Wähler ansprechen.

 

Chancen: Nischen-Position mit Potenzial – vor allem bei jüngeren Wählern oder ökologisch ausgerichteten Bürgern. Aber ein Sieg wäre eine Überraschung, wenn nicht überdurchschnittliche Mobilisierung gelingt. Fotoquelle: www.ericjacob.de/#pressebilder, TinoGrafiert Fotografie



Fazit der politischen Kräfteverhältnisse

 

Michael Steigerwald (CSU) gilt als Favorit wegen parteiübergreifender Stärke und stabiler konservativer Wählerbasis. Die CSU ist strukturell stark, kann eine klare Alternative zum amtierenden Bürgermeister bieten und dürfte Stimmen aus dem bürgerlichen Lager bündeln.

 

Ungewiss: Christoph Gürtner (Freie Wähler) punktet mit Gemeinderatsarbeit. Die Freien Wähler stehen ebenso vor einem personellen und inhaltlichen Neuanfang. Spannend bleibt, ob die Wählerinnen und Wähler ihm als Bürgermeister das Vertrauen schenken.

 

Überraschungspotenzial: SPD/ÖDP/Echinger Mitte und Grüne – Beide Gruppierungen haben geringe Chancen, da die Unterstützung Thalers in den letzten Jahren beide Gruppierungen weiterhin belastet und ihre Wahlchancen schmälert. Außerdem können beide Kandidaten keine Erfahrung in der Echinger Kommunalpolitik vorweisen.

 

Sebastian Thaler und seine Wählergemeinschaft „MEGA“: Die juristische und politische Vorgeschichte hat sein Ansehen stark geschädigt. Selbst treue Unterstützer sind öffentlich in Frage gestellt worden. Viele Wähler werden Integritätsfragen gewichten. Ob Thaler die nötigen 180 Unterschriften bis zum 19.01.2026 zusammenbekommt, ist fraglich. Er kämpft momentan um sein politisches Überleben. Die Chancen auf eine dritte Amtszeit sind nach den zahlreichen Skandalen, staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und seiner Verurteilung wegen Untreue in seiner fast zehnjährigen Amtszeit sehr gering. Die große Frage ist, ob sich 180 Unterstützer finden lassen, die ihm wenigstens den gutbezahlten Ruhestand sichern.

 

Der Wahlkampf in Eching verläuft so geladen und polarisiert wie selten zuvor. Während der langjährige Bürgermeister Thaler trotz offener Skandale nicht freiwillig weicht, formieren vor allem CSU und Freie Wähler ein starkes, alternatives Personaltableau. Das Rennen bleibt offen – erstmals seit Jahren sind alle Machtoptionen auf dem Tisch, die Wahl im März 2026 wird für die politische Kultur in Eching zum Gradmesser. Eching ist nicht nur eine wachstumsstarke Gemeinde am Rande Münchens — der Fall zeigt, wie persönliche Entscheidungen eines Rathauschefs, rechtliche Fragestellungen und Parteipolitik kommunal verschränken. Die Verbindung von juristischen Verfahren, öffentlichen Debatten um Transparenz und Finanzverwendung sowie die offenkundig gespaltete Ratslandschaft machen das Rennen zu einem Indikator dafür, wie Wähler in Bayern künftig mit Amtsführung, Compliance und persönlicher Integrität umgehen.

Nach unserem ersten Bericht über die Bürgermeisterwahl in Eching (https://freising.news/showdown-in-eching-eine-der-spannendsten-buergermeisterwahlen-bayerns-teil-1/) erhielten wir von Sebastian Thaler wieder einmal Drohungen von rechtlichen Schritten gegen unsere Berichterstattung. Sämtliche von uns dargestellten Sachverhalte beruhen jedoch auf sorgfältiger Recherche sowie auf Informationen aus der Berichterstattung der vergangenen Jahre. Vor diesem Hintergrund zeigt sich für uns eine gewisse Verwunderung darüber, dass das Freisinger Tagblatt Sebastian Thaler eine Plattform für ein Interview bietet, in dem mehrere Aussagen unvollständig oder sachlich nicht korrekt dargestellt sind.

Unsere Redaktion wird die Entwicklungen in Eching und im Landkreis Freising weiterhin auf Grundlage überprüfbarer Fakten und nach journalistischen Standards begleiten.

Andre Harney

Redaktionsleitung

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